Hätschelkind von Wilmer Wilkenloh (ein Nordfriesland-Krimi), Gmeiner Verlag, 420 Seiten

(Anmerkung: Hätschelkind bezieht sich auf eine tiefenpsychologische Deutung des Märchens »Der kleine Häwelmann« von Theodor Storm.) Und mit Storm sind wir dann auch gleich in Husum gelandet, wo der Krimi spielt. Vom Verlag als Nordfriesland-Krimi im Untertitel ausgewiesen, gehört »Hätschelkind« also in das Genre Regionalkrimi, das vor etwa drei Jahrzehnten entstand. Die ersten Regio-Krimis (so die Kurzform) stammten aus der Feder von Jacques Berndorf (alias Michael Peute), der mit seinen Eifelkrimis große Erfolge feierte. Etwa zur selben Zeit erschienen im Emons Verlag die ersten Köln-Krimis. Ein neues Genre war geboren. 

Mittlerweile gibt es kaum noch eine deutsche Region, die nicht Gegenstand eines oder gleich einer ganzen Reihe von Regionalkrimis ist. Vor allem der Norden Deutschlands wird von vielen Autoren beackert. Besonders in der Selfpublisher-Szene hat man das Genre entdeckt und glaubt, hier mitspielen zu können. Die Qualität der Krimis – nicht nur bei den Selfpublishern – ist häufig miserabel. Den Regionalbezug glaubt mancher Autor einfach damit herzustellen, dass ein paar Straßennamen, ein paar Lokalitäten und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Erwähnung finden. Davon hebt sich Wilkenlohes »Hätschelkind« wohltuend ab.

Zum Fall: Auf einer Sandbank im Watt vor St. Peter Ording wird eine Frauenleiche gesichtet. Die ist aber, als die Husumer Polizei anonym davon erfährt, von der Flut schon wieder abgetrieben worden. Just in dieser Zeit tagt in Husum die Theodor-Storm-Gesellschaft. Und um den Dichter bzw. um ein plötzlich aufgetauchtes, bisher unbekanntes Romanmanuskript dreht sich der ganze klug ausgetüftelte Plot. 

Storm, der Zeit seines Lebens nur Novellen geschrieben hat, soll als letztes Werk einen Roman geschrieben haben, der aber nicht mehr zur Veröffentlichung kam? Da steht nicht nur die angesehene Theodor-Storm-Gesellschaft Kopf. Was für eine Sensation, welche Zugkraft auch für den Tourismus!

Aber alte Storm-Kenner sind skeptisch. Ein Roman wurde in den Briefwechseln und schriftlichen Hinterlassenschaften nie erwähnt. Natürlich muss das Manuskript von Fachleuten geprüft werden. Bevor der anerkannte Spezialist der Storm-Gesellschaft sein Urteil abgeben kann, wird er erschossen. Wenig später findet man einen beteiligten Journalisten, der an der Abschrift des Romans für eine Veröffentlichung in der Husumer Tageszeitung arbeitet, ebenfalls tot auf. Die Art seiner Schusswunden lässt kaum Zweifel daran, dass hier derselbe Täter am Werk war. 

Hauptkommissar Jan Swensen von der Husumer Polizei hat es nicht leicht. Zunächst spricht alles dafür, dass der Videothekenbesitzer Hajo Peters, der das Storm-Manuskript entdeckt hat, auch der Mörder ist. Aber Jan Swensen glaubt nicht so recht daran. Hartnäckig bleibt er an dem Fall, auch wenn sein Chef die Lösung der Morde schon feiern will. Und schließlich kommt er der genial eingefädelten Intrige des wirklichen Täters auf die Spur. 

Kritik: Diese Geschichte hat echte Tiefe. Der Plot ist raffiniert konstruiert und voller Überraschungen. Etwa ab der Hälfte hat dieser Roman mich wirklich gefesselt. Was mich an der Schreibe des Autors allerdings stört, sind die künstlichen Pausen, die er erzeugt, indem er allzu viele spannende Situationen offen lässt, in der Zeit vorwärts springt, um dann erst später die Situation aufzulösen. In meinen Augen auch eher störend sind die gedanklichen Abschweifungen Swensens in sein buddhistisch geprägtes Weltbild. Das hakt und bremst und bringt ihn auch nicht wirklich weiter bei der Lösung des Falles. 

Der Verlag hätte gut daran getan, das Manuskript einem/-r versierten Korrektor/-in vorzulegen. Kommata scheinen überflüssiges Beiwerk zu sein. Oder glaubt man vielleicht, durch die Auslassung der Satzzeichen Druckertinte zu sparen? Gegen Ende häufen sich falsche Trennungen. Die Orthographie ist ansonsten nicht zu bemängeln, da gibt es in anderen Titeln dieses Genres viel gravierendere Ausreißer. 

Das Lektorat hat seine Arbeit getan. Mir sind keine großen Logikfehler aufgefallen, ein Umstand, der in der gängigen deutschen Krimi-Literatur recht selten geworden ist. Der Roman ist gut lesbar, nur ab und an schießt der Autor mit Bildern etwas über sein Ziel hinaus. Beispiel: »Regen knallt wie Maschinengewehrfeuer gegen die Fensterscheibe.« Und ob Swensens Lieblingsitaliener tatsächlich ein derartiges Kauderwelsch spricht, wie im Buch gebraucht, bezweifele ich.

Ein wichtiger Hinweis: Die Geschichte spielt vor etwa 20 Jahren, es gibt zwar schon Handys, aber bezahlt wird noch D-Mark. Das ist vermutlich auf die expansive Politik des Gmeiner-Verlags zurückzuführen, der sich seinen Platz als einer der führenden Anbieter von deutschen Regionalkrimis wohl dadurch erobert hat, dass er auch ältere Manuskripte annahm, um in möglichst vielen Regionen zu Hause zu sein. Darunter leidet die ansonsten bei Regionalkrimis geforderte Aktualität. 

Aber das sind Marginalien in einem sonst gelungenen Text. Von mir gibt es eine klare Empfehlung für diesen Krimi. 

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